Erlebtes von Natice Orhan-Daibel

Was tut man, wenn man zu wenige helfer hat? richtig, man spannt fremde fahrgäste als „temporäre bahnhofshelfer“ ein und glaubt als gutmensch an das gute und es läuft! auch mit nur insgesamt 3 helfern, die sich alle am liebsten hätten nochmal klonen wollen. 2 deutschsprachige helfer und ein dolmetscher. kaum nach unserer ankunft gings rund heute abend! je weniger helfer, umso mehr rennerei. und umso mehr logistische arbeitsteilung erfordert, besonders wenn bei zwei familien gleichzeitig an verschiedenen orten auch noch ein lager“lauf“ angesagt ist. es fing ganz ruhig an mit zwei kurdischen jungen männern, die hilfe beim ticketkauf benötigten, schön gemütlich, sie haben zeit bis zu ihrem zug, werden versorgt, hilfe beim ticketkauf, einer von ihnen hat ein ganz dünnes shirt an…dann fanden wir die 1. familie und folgendes geschah zeitgleich:
1. familie (3 kleine kinder +baby) wird versorgt auf gleis 2. (sie warteten auf ihren bus nach schwetzingen). als es zeit wurde, zum bus zu gehen, sehen wir auf gleis 1 eine weitere familie mit größeren kindern. ein helfer und der dolmetscher gehen rüber. dolmetscher kommt zurück, will nahrung und wasser holen und bittet mich, kurz rüberzukommen, um das ticket zu checken. aber die 1. familie muss zu ihrem bus nach schwetzingen und braucht hilfe mit den kleinen kindern, kinderwagen und gepäck.
1. familie hat noch 5 minuten, 2. familie hat 7 minuten. also wird zuerst familie nr. 1 geholfen. ich brauch den dolmetscher als begleiter wegen der kleinen kinder, gepäck und kinderwagen. somit wäre keiner an unserer notfallstation, aber der 3. helfer steht gegenüber am gleis und könnte von der ferne aufpassen. naja, trotzdem frage ich mit dem kleinen kind im arm ein junges paar, das auf ihren zug wartet, wie lange sie noch warten müssen. 4 minuten. sie willigen sofort ein, „einen blick auf unsere sachen zu werfen“ und gehen sogar in richtung bank, wo unsere station aufgebaut ist. danke! „grin“-Emoticon
familie 1 an der bushaltestelle abgeliefert. ab ans gleis 1: der zug, auf den sie warten, ist richtig, sie besitzen ein „schönes wochenende ticket“, aber die verbindung, die sie haben, enthält einen ic und das geht nicht mit dem wochenende-ticket. sie müssten zudem 3 mal umsteigen, ein paar stunden würde die ganze fahrt dauern. blick auf die uhr: 2 minuten bis zum zug.
das heißt: schaffst du das, zum automaten runterzulaufen, eine neue verbindung (nur nahverkehr) auszudrucken, zurücklaufen, dem dolmetscher erklären, der dann übersetzt?
muss zu schaffen sein! denn als helfer würde man sich nicht verzeihen, wenn die reisenden wegen dir ihre verbindung nicht kriegen. ich habe schon so oft situationen erlebt, in denen ich dachte, das wäre nicht zu schaffen, aber ich habe wirklich jedes mal auch erlebt, dass ich mich irre! noch nie hat einer seine verbindung wegen uns verpasst!
irgendwie ist was dran: wenn du gutes tust, dann geschieht dir auch gutes! und auch bei dieser familie haben wir alles geschafft! die neue verbindung war auch deutlich einfacher, sie müssen nur 1 mal umsteigen und wären viel schneller am ziel.
ok, familien weg, da kam ein db-angestellter zu uns wegen einem älteren mann mit einer komplizierten geschichte. sein hab und gut in einer einkaufstasche verstaut. fakt ist: sein asylantrag in frankreich wurde abgelehnt, er muss zurück in die türkei, hat in mannheim einen neffen, von dem er aber nur den namen hat. er hat kein geld mehr, er hat schmerzen im bein, kann kaum stehen, der freundliche db-angestellte an der info hatte schon das obdachlosenheim angerufen, die würden ihn für die nacht aufnehmen. vor einigen tagen wurde er in bulgarien von einer schlange gebissen und in frankreich notdürftig behandelt. ich bitte ihn, mir die bissstelle zu zeigen. die wade sieht nicht gut aus! dunkel verfärbt und eigenartig geschwollen. diesen alten, verletzten und erschöpften mann hätten wir zu so später stunde nicht mit bus und bahn in die pampa fahren lassen können, also haben wir ihm ein taxi bezahlt. danke nochmal an alle mannheimer taxifahrer, die uns in solchen fällen auch mal einen guten preis machen! in diesem fall sagte uns der fahrer auch zu, die heimleitung über den schlangenbiss zu informieren und um medizinische behandlung zu bitten. aus geschichten befreundeter geflüchteter weiß ich, dass die versorgung in frankreich miserabel ist! zum glück kamen im laufe der nacht noch weitere helfer, sodass wir nach etwa zweieinhalb stunden dauer- und paralleleinsatz etwas verschnaufen konnten und die nacht fast wie gewohnt ruhig geendet hat mit einer weiteren familie und ein paar einzelreisenden“

20.03.2016

ohne Grenzen e.V.

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